Bethelehem Mauer

Was ist Bethlehem?

Aus dem Buch des Propheten Micha hören wir schon kurz vor Heiligabend aus Bethlehem die bekannte Weihnachtsbotschaft:

Aber du, Betlehem-Efrata, / bist zwar klein unter den Sippen Judas, aus dir wird mir einer hervorgehen, / der über Israel herrschen soll. Seine Ursprünge liegen in ferner Vorzeit, / in längst vergangenen Tagen. Darum gibt er sie preis, bis zu der Zeit, / da die Gebärende geboren hat.
Micha 5,1-2

Selbstverständlich denkt bei dem Wort „bis zu der Zeit, da die Gebärende geboren hat“, jeder an Maria, die Jesus geboren hat. Nimmt man aber einmal den glitzernden Schleier dieser Prophezeiung über Bethlehem weg, so kommt ein Prophet in Holzschuhen zum Vorschein. Der spricht gar nicht feierlich und glänzend. Auch nicht vornehm wie der Prophet Jesaja in Jerusalem, sondern seine grobe Sprache erinnert vielmehr an die des Maulbeerfeigen-Pflanzers Amos.

Wie Amos entrüstet er sich vor allem über die Ausbeutung der kleinen Leute durch die „Großkopfeten“ in beiden Hauptstädten, in Samaria und in Jerusalem. Dort, im Zentrum des Lebens, wo die Pilgerscharen hinkommen, wo Fromme sich beim Tempelkult an der Gegenwart Gottes erfreuen, da wird der Frondienst für die kleinen Leute geplant, dort herrscht Korruption bei Verwaltung und Justiz. Dort leben die Millionäre – wie immer und überall, so Micha, auf Kosten der Armen. Micha ruft: Ihr erbaut Zion mit Blut! (Micha 3,10).

Bethlehem in unserer Zeit

Ich möchte unsere vorweihnachtliche Freude nicht zerstören, aber werfen wir doch einen Blick auf das Jetzt und Heute im Heiligen Land. Jerusalem mit seinen Hauptstraßen, Geschäftsvierteln und Banken, den Universitäten, Hochschulen und Wallfahrtsorten; die Klagemauer, der Tempelplatz, die Golden-Moschee, die Via Dolorosa, der Kreuzigungsberg und die Auferstehungskirche, der Ölberg und die Himmelfahrtskirche, überall Soldaten, Männer wie Frauen, Macht und Protz. Juden in langen Mänteln und riesengroßen Pelzkappen, jüdische Buben mit Haarkringel über den Ohren, zwei weiß gekleidete und mit einem Schleier eingebundene Internatsmädchen. Eine machtvolle Weltstadt.

Keine 15 km entfernt die Stadt Bethlehem: schmutzig und verwaist, Abwasser fließt wegen beschädigter Kanalisation die Hänge herunter, zerschossene Hotels und dazwischen die Geburtskirche Jesu. Elend zuhauf. Wir wohnen in einem christlichen Hotel namens „Paradies“. Zwei Obergeschosse schauen ruinös in die Höhe. Dazwischen ein Kinder-Hospital, von Schweizern und Deutschen finanziert, Kinder armer Palästinenser, welche als Wüsten-Beduinen in keiner Versicherung sind.

Um Bethlehem herum steht eine sechs Meter hohe Mauer, mit Stahltoren versehen, damit kein Attentäter hinein- oder herauskommt. Bethlehem und Jerusalem 2018, Bethlehem und Jerusalem 550 vor Chr. zur Zeit Michas. Heute (2025) ist Bethlehem weitgehend verlassen, der Krieg in Nahost hat Reisen nach Bethlehem zum Erliegen gebracht. Dennoch gilt: Du Bethlehem, zwar klein und weit unterlegen dem gewaltigen Jerusalem, aus dir ist hervorgegangen, der über alle Zeiten regieren wird, Christus der Herr.

Bethlehem-Herz

Wo findet deine Geburt Jesu statt?

Es ist nicht vermessen, daran zu erinnern, dass das kleine Bethlehem nicht nur ein Ort in Palästina ist, sondern auch das Innere eines jeden Menschen meint. Hat doch schon Angelus Silesius, der schlesische Arzt, Dichter und Priester im 17. Jahrhundert versucht, das menschliche Herz und Bethlehem in Eins zu bringen: Und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du bliebest doch in alle Ewigkeit verloren. Bethlehem ist der Symbolort für die Geburt Jesu in den Herzen der Menschen. Erst wenn das Herz aus Stein in uns entfernt ist, und ein Herz aus Fleisch in uns eingepflanzt ist, dann fängt es mit der Erneuerung der Welt an.

Weder Rom noch Brüssel, weder Washington noch Moskau, weder Peking noch Jerusalem werden Garanten für den Frieden in der Welt, sondern nur die Menschen, in denen der Erlöser Jesus Christus zur Welt gekommen ist. O komm, Emmanuel, tauet ihr Himmel von oben, ihr Wolken regnet ihn herab, komm herunter, komm zu mir als heruntergekommener Gott in mein Bethlehem, in mein Herz.

Titelfoto: Wikimedia/Bgabel, lizensiert unter CCBYSA 3.0 unported, Originalfoto

Hier findest du weitere Weisungen von P. Notker Hiegl.

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