Jesuskind in Krippe

Heiligabend: Menschwerdung aus Licht

Heiligabend 2025: Vielleicht wissen Sie gar nicht (mehr), was an Heiligabend passiert? Eine einfache Beschreibung, die uns der Beziehung zwischen Himmel und Erde, Gott und Welt, ein wenig näher bringt.

Kennen Sie das Ritual vor der Habsburger Gruft unter der Kapuzinerkirche in Wien? Wenn ein Mitglied der Familie stirbt, wird es dort beerdigt – wie zuletzt Otto von Habsburg. Der Trauerzug steht dann vor der verschlossenen Tür der Gruft.

Der Zeremonienmeister klopft an das Eingangstor. Von innen fragt der Kustos der Wiener Kaisergruft, ein Kapuziner: „Wer begehrt Einlass?“ Darauf wird von außen der Name des Verstorbenen mit all seinen Titeln genannt. Von drinnen kommt die Antwort: „Den kennen wir nicht!“

Daraufhin klopft der Zeremonienmeister ein zweites Mal. Erneut die Frage: „Wer begehrt Einlass?“ Und wieder nennt der Zeremonienmeister den Namen, verkürzt aber die lange Liste der Titel. Die Antwort lautet abermals: „Wir kennen ihn nicht!“

Der Zeremonienmeister klopft ein drittes Mal, erneut wird dieselbe Frage gestellt. Jetzt nennt er nur noch den Vornamen des Verstorbenen mit dem Zusatz: „Otto, ein sterblicher, sündiger Mensch“. – „So komme er herein“, lautet die Antwort und die Tür wird geöffnet.

Das Herzurnengrab von Otto von Habsburg in der Erzabtei Pannonhalma

Das ist wahrlich ein beeindruckendes Ritual. Angesichts weltlicher Ehre stellt es mit Nüchternheit fest: Wenn ein Mensch vor Gott tritt, dann zählt nur noch der Mensch. Der heilige Franziskus sagt es so: Was der Mensch vor Gott ist, das ist er, nicht mehr und nicht weniger. Ähnliches meint Jesus, wenn er sagt: Nimm nichts mit auf den Weg, keinen Stab, keinen Beutel, kein zweites Hemd. Nimm nur dich selbst mit.

Was passiert an Heiligabend?

Und nun haben Heiligabend und das Weihnachtsfest eine handfeste Überraschung für uns bereit. Gottes Sohn kommt in die Welt – und nimmt den gleichen Weg wie alle Menschen. Er kommt nicht als König des Himmels und der Erde, er kommt nicht als Anführer der himmlischen Heerscharen, er kommt nicht als der Herrscher aller Herren.

Wäre er so gekommen, wäre es ihm wahrscheinlich ergangen wie einem verstorbenen Habsburger. Die Menschen hätten gesagt: „Den kennen wir nicht, der interessiert uns auch gar nicht. Von denen da oben laufen gerade genug Typen auf der Erde herum. Die interessiert es doch nicht, wie es uns geht. Nein danke! Einen solchen Gott kennen wir nicht – und kennenlernen wollen wir den schon gar nicht“.

Doch Jesus kommt anders. Er kommt als Kind armer Leute. Er hat nichts, womit er prahlen kann. Als Sohn des Zimmermanns ist er wahrhaftig nichts Besonderes. Reichtümer hat er auch nicht vorzuweisen. Einfach nur Mensch, einfach nur Kind, das in Ermangelung einer vernünftigen Unterkunft in einem Stall beim Vieh geboren wird, ein Kind, das in Ermangelung einer Wiege in einer Futterkrippe liegt; einfach ein Mensch – wie wir. So komme er herein – kann ich zu einem solchen „Gott“ sagen und ihm die Tür öffnen – in die Welt und in mein Herz hinein. Menschliche Größe, gepaart mit einfacher Menschlichkeit, ohne Dünkel.

Das überzeugt, das wird geschätzt und anerkannt, das tut den Menschen gut; und so kommt Jesus an Heiligabend in die Welt. Schmucklos, ein schreiendes Baby in einer Futterkrippe in einem Stall, in der Wand eine Höhlung ausgeschlagen für Heu und Stroh. So begegnet uns Gott. Wir Menschen interessieren ihn, weil wir Menschen sind, nicht weil wir für sein Ansehen und sein Image gut sind. Es ist ein Geschenk seiner Gnade, dass wir dies Kind da zwischen dem Viehfutter als Gottes Sohn verehren. Unser Lobpreis kann seine Größe nicht mehren, doch uns bringt er Segen und Heil.

„…leg deinen Schmuck ab!“

Im Buch Exodus 33,5 sagt Gott zu seinem Volk: Ihr seid ein hartnäckiges Volk. […] Jetzt aber leg deinen Schmuck ab! Dann will ich sehen, was ich mit dir tun kann. Dieser Schmuck meint nicht in erster Linie Kettchen, Kreuzchen und Ringe. Vielmehr geht es um Schmuck, mit dem ich mich zu etwas Besserem machen möchte. Das Jesuskindlein in der Krippe verkörpert die Einladung:

Mach’s wie Gott: werde Mensch
Franz Kamphaus

Leg deinen Schmuck ab. Mit Papst Franziskus gefragt: sind wir Hirten mit dem Geruch von Schafen? Haben wir als Kirche, als Kloster, als katholische Familie den Geruch von Einfachheit, Menschlichkeit? Haben wir den Geruch von Zuwendung und Mitfreude? Zu einer solchen Kirche können die Menschen sagen, was der Kapuzinerpater in der Habsburger Gruft in Wien sagt: „So komme er herein“.

Die Kapelle Maria Mutter Europas in der Nacht

Heiligabend: stille Nacht, heilige Nacht, das Licht vor meiner Herzenstür: So komm herein, ich warte doch.

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