Krippe zu Weihnachten 2025

Wird an Weihnachten Sermon geredet?

Weihnachten 2025: Im Anfang war das Wort, lautet der erste Satz bei Johannes im Evangelium zu Weihnachten. Was für ein Wort sprach da Gott? Ein starkes Wort, ein Machtwort? Immerhin ist durch dieses Wort, das Gott selbst ist, alles geworden. Was gewöhnlich mit ‚Wort‘ übersetzt wird, heißt im Griechischen ‚logos‘. Logos kann aber je nach Kontext verschieden übersetzt werden.

Wort ist schon richtig, aber es kann auch ‚Vernunft‘ – wir sagen ja auch ‚logisch‘ – heißen, oder auch Sinn oder Wissenschaft. Noch eine weitere Facette tauchte in der Neuübersetzung des Lektionars auf, nämlich diejenige des Erasmus von Rotterdam, einem Theologen, Priester, Augustiner-Chorherrn, einer der bedeutendsten Gelehrten an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert. Wie sein Zeitgenosse Martin Luther sah er, wie reformbedürftig die Kirche war und strebte eine Erneuerung an. Aber in vielem war ihm der Weg der Reformation zu radikal. Und so saß er am Ende zwischen allen Stühlen.

Kupferstich
Ersamus von Rotterdam, von Albrecht Dürer, 1526, (Ausschnitt) Metropolian Museum of Art, (c) gemeinfrei

Nun, wie lautet denn Erasmus‘ Übersetzung dieses Johannesevangeliums zu Weihnachten? Bereits 1516 veröffentlichte er eine wissenschaftliche Ausgabe des griechischen Testamentes und fügte eine eigene Übersetzung ins Lateinische bei. Und da hieß es: In principio erat sermo – Im Anfang war die Weisung!

Das ist überraschend, weil diese alte Verwendung von Sermon heute negativ belegt ist. Aber sie ist dennoch irgendwie wunderbar. Diese Übertragung ist von Erasmus nicht willkürlich erfunden. Sie entspricht ganz dem, was die Heilige Schrift von Gott erzählt. Gott ist Weisung. Das meint im Kern die Lehre von der Dreifaltigkeit: ein Gott in drei Personen, Interaktion von Anfang an – als Ausdruck universeller Liebe zu den Menschen.

Weihnachten ist der Anfang der Weisungen

Dieser Gott ist sich nicht selbst genug, er sehnt sich nach Gesprächspartnern, mit denen er in Dialog treten kann, nicht nach solchen, die einfach nur Machtworte hinnehmen. Darum wurde der Mensch geschaffen. Darum sind wir geschaffen durch das Wort, das Gespräch, das ganz am Anfang war. Und dieses Gespräch ist Fleisch geworden – in Jesus im Stall zu Bethlehem, der als Kind geboren wurde. Das Geheimnis von Weihnachten.

Als Baby ist Jesus freilich noch kein Gespräch. Doch er wird größer, ein Jugendlicher. Zwölf Jahre alt geworden, geht er mit seinen Eltern auf Pilgerfahrt nach Jerusalem – so erzählt es der Evangelist Lukas – und verschwindet plötzlich aus der Pilgerschar. Maria und Josef finden ihn nach drei Tagen im Tempel: Er sitzt unter den Schriftgelehrten, ist ins Gespräch vertieft, hört zu und stellt Fragen.

Jesus predigt im Tempel
P. Notker Hiegl: Jesus Predigt im Tempel

Später als Erwachsener predigt Jesus nicht einfach, indem er Menschen belehrt. Auch da stellt er immer wieder Fragen, möchte von denen, die ihm nachlaufen, wissen, was sie suchen (Joh 1,32), fragt den Blinden: Was willst du, dass ich dir tue? (Mk 10,51); er kommt immer wieder auch mit seinen Gegnern ins Gespräch und redet mit Sündern und Außenseitern wie Zachäus (Lk 19,1-9). Er lässt sich sogar von einer hartnäckigen heidnischen Frau bewegen, ihre Tochter zu heilen. Dabei sah er sich zunächst gar nicht als Heiland der Heiden (Mk 7,24-30). Jesus ist wirklich das Mensch gewordene Gespräch, er lässt sich auch etwas sagen!

Und die Weisung ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt. Wörtlich: Er hat unter uns sein Zelt aufgeschlagen, ein Zelt, das bleibt und offen steht. Für uns. Und der Eingang zu diesem Zelt, das ist das Gebet. Im Gebet erwartet uns Gott zum Gespräch.

Weihnachten bedeutet, mit Beten zu beginnen

Mein Vorschlag zu Weihnachten: Probieren wir es einfach einmal aus, im stillen Gebet dem Jesuskind zu sagen, was uns bewegt, was uns erfreut, wovor wir Angst haben und zittern, Gott im Gebet sagen, was uns innerlich beschäftigt. Im Gebet klärt sich vieles. Alles an die Krippe des Herrn legen. Die ganzen Päckchen und Lasten und Blumen und Geschenke unseres Lebens. Und das Gespräch mit ihm befähigt uns, mit denen auch zu sprechen, wo uns meist ein wenig der Frosch im Hals stecken bleiben will.

Einer, der ganz aus dem Gespräch mit Gott gelebt hat, war der heilige Thomas von Aquin, ein Dominikaner aus dem 13. Jahrhundert. Einer der größten Theologen überhaupt – in viele Dispute verwickelt. Er sagt: „Wer wirklich mit Gott im Gespräch ist, der kann unmöglich andere niederschreien, der hört, der wägt ab, versucht zu verstehen“.

Im Anfang war die Weisung. Schade eigentlich, dass sich der Vorschlag des Erasmus nicht durchgesetzt hat. Auch die Einheitsübersetzung bleibt bei der gewohnten Formulierung. Es ist beim Wort geblieben. Im Gesprächszelt mit Gott. Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt. Wort, Logos, Gespräch, Sermon, Weisung – Hauptsache, du wohnst in mir, du, mein Ein und Alles. Gesegnete Weihnachten.

Hier findest du weitere Weisungen von P. Notker Hiegl.

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